Odilienlegende

ottiliaOdilia, die Patronin der Kirchgemeinde

Zwei grosse Lichtgestalten begegnen uns in der dunkelsten Zeit des Jahres, die Heilige Luzia, Märtyrerin von Syrakus auf Sizilien, und die Heilige Odilia, die Patronin der Blinden und Sehbehinderten; beide haben ihren Gedenktag am 13. Dezember.

Die Geschichte von Arlesheim ist eng mit Odilia, der Schutzheiligen des Elsass, verbunden. Schon ums Jahr 708 soll hier eine Pfarrei bestanden haben. Aber sicher wissen wir, dass im 15. Jahrhundert in Arlesheim eine Odilienkirche stand, die dann im Jahre 1816 abgebrochen wurde, als der Dom zur Pfarrkirche gemacht wurde.

Obwohl der Dom der Heiligen Maria «Immaculata» geweiht ist (Festtag am 8. Dezember), bleibt Odilia die Patronin der Pfarrei. Odilia ist eine der grossen und faszinierenden Frauengestalten der Kirchengeschichte. Ihrem Leben und Wirken und ihrer Ausstrahlung bis in die heutige Zeit sind die folgenden Zeilen gewidmet.

Die Odilienlegende

Die älteste beglaubigte Urkunde über das Leben und Wirken der Heiligen Odilia stammt aus dem Jahre 900 und befindet sich in der Klosterbibliothek St. Gallen. Trotzdem muss nicht so streng unterschieden werden zwischen dem, was historisch belegt ist, und dem, was eher in den Bereich der Legende gehört. Denn Legenden geben das besondere Wesen eines Menschen oft viel besser wieder als nüchterne historische Fakten. Legenden sind wie Bilder, die zwar nicht mit Farben und Formen, aber mit Worten gemalt sind. Bilder und Legenden können unsere Seele berühren und bereichern. In diesem Sinn dürfen wir heute noch unbeschwert von Odilia erzählen, was es da eben zu erzählen gibt:

Odilia hat von 662 bis 720 gelebt. Ihr Vater, Herzog Adalrich oder auch Etticho genannt, erhielt vom fränkischen König Gebiete im Elsass zu eigen. Zu seiner Verwaltung gehörten auch der Sundgau, der Breisgau sowie Gebiete in Schwaben und in unserer Region. Etticho war von edler Abstammung und ein gläubiger Christ, aber ein kriegerischer und gewalttätiger Mann. Seine Gattin Bereswinda stammte ebenfalls aus edlem Geschlecht und war eine gottesfürchtige und edle Frau. Sie war eine Verwandte des heiligen Leodegar, des Bischofs von Autun im Burgund. Das Herzogspaar lebte vornehmlich auf Schloss Hohenburg mit weiter Rundsicht über das ganze Elsass.

Nach einigen Jahren der Kinderlosigkeit gebar Bereswinda ihr erstes Kind, ein Mädchen. Es war blind. Ausser sich vor Enttäuschung und Zorn befahl der Vater, das Kind sofort zu töten. Die verängstigte Mutter aber übergab es einer Amme, die zu Füssen des Hohenbergs lebte. Aus Angst, Etticho könnte das heranwachsende Mädchen entdecken, liess sie es ins Kloster Balma (heute: «Beaume les Dames») zu ihrer Schwester bringen, die dort Äbtissin war. Diese nahm das Kind auf und erzog es liebevoll.

Die Legende erzählt, dass ein Engel Bischof Erhard von Regensburg im Traum erschien und ihn aufforderte, nach Baumes les Dames zu reisen, um dort ein blindes Mädchen zu taufen. Der Bischof befolgte diesen himmlischen Auftrag, und als er dem Mädchen das Taufwasser über das Angesicht goss, öffneten sich seine Augen; es konnte sehen und erhielt den schönen Namen Odilia – französisch Odile.

Noch einige Jahre blieb Odilia im Kloster, um sich weiter auszubilden. Aber es war ein grosser Schmerz für sie, dass sie fern von der Heimat leben musste. Sie bat ihren jüngeren Bruder Hugo in einem Brief, er möge sie doch heimholen. Voll Mitleid schickte dieser ohne Wissen des Vaters einen Wagen, der sie zur Hohenburg brachte. Als der Vater die Heimgekehrte entdeckte, wurde er so jähzornig, dass er seinen Sohn Hugo auf der Stelle erschlug. Odilia war erschüttert und flehte zu Gott um Barmherzigkeit. Da geschah ein grosses Wunder. Gott erweckte den toten Hugo wieder zum Leben.

Odilia war zu einer schönen jungen Frau herangewachsen. Der Vater wollte sie mit einem jungen Fürsten verheiraten. Doch sie widerstand diesem Plan; denn sie hatte sich entschlossen, ihr Leben ganz Gott zu weihen und den Armen und Kranken zu dienen. Als das Drängen des Vaters immer stärker wurde, verliess Odilia heimlich die Burg und floh in Richtung Süden. So kam sie nach Arlesheim und fand Zuflucht im so genannten Dinghof, der zum Besitztum des Fürsten von Hohenburg gehörte.

Als sie nun aber vernahm, dass ihr Vater sie verfolgte, flüchtete sie weiter dem Bach entlang in den Wald und versteckte sich in der Ermitage in einer Höhle. Schon wollten die Soldaten sie ergreifen. In ihrer Not flehte sie Gott um Hilfe an; da verschloss sich der Fels beim Höhleneingang, und herabstürzende Steine verwundeten ihren Vater schwer.

Nach diesem Geschehen änderte sich die Haltung des Vaters. Er spürte, dass hier Gott am Werke war, und versöhnte sich mit seiner Tochter. Er übergab ihr das Schloss Hohenburg mit all seinen Einkünften, und sie errichtete dort ein Kloster.

Unter ihrer Leitung erblühte das Klosterleben auf Hohenburg. Bald lebten, arbeiteten und beteten dort 130 Schwestern nach der Ordensregel des Heiligen Benedikt. Die Klosterfrauen pflegten Kranke und Arme. Odilia war ihnen in Gebet, Wort und Tat ein leuchtendes Vorbild. Sie lebte von Gerstenbrot und Gemüse und schlief auf einem Bärenfell. Wohl aus diesem Grunde zählen gewisse esoterische Kreise die Heilige Odilia zu den sogenannten „Bärenfrauen”.

Der Weg zur Hohenburg war für viele Kranke und Gebrechliche zu beschwerlich. So liess Odilia zu Füssen des Berges ein zweites Kloster mit einem Spital und einer Pilgerherberge erbauen und nannte es Niedermünster. Dort gab es eine Quelle mit besonders heilkräftigem Wasser – Odilienwasser.

Die beiden Klöster bildeten bald ein Zentrum religiösen Lebens im Elsass. Leider fielen sie aber des Öftern Kriegen, Bränden und Verwüstungen zum Opfer.

Odilia starb am 13. Dezember 720 und wurde in der Kapelle des heiligen Johannes des Täufers auf Hohenburg bestattet, wo ihr Leichnam heute noch ruht. Über ihr Sterben gibt es noch eine besonders schöne Geschichte: Als Odilia dem Tode nahe war, schickte sie die Schwestern, die bei ihr wachten, zum Gebet, und als diese zurückkamen, war Odilia gestorben. Da beteten die Schwestern inständig zu Gott – und siehe, Odilia öffnete nochmals ihre Augen. Sie sagte: „Warum beunruhigt ihr euch? Die Heilige Luzia war bei mir. Ich sah und hörte, was man mit den Augen nicht sehen und mit den Ohren nicht hören kann.” Dann bat sie um die Heilige Kommunion und starb.

Seit ihrem Tod wird Odilia im Elsass, in Süddeutschland und an vielen anderen Orten verehrt. An ihrem Grab sollen immer wieder Wunder geschehen sein. Die Hohenburg erhielt den Namen «Ottilienberg» (Mont Saint-Odile), und nach wenigen Jahren war dieses Kloster zu einem berühmten Wallfahrtsort geworden. Odilia wurde zur Patronin des Elsass, und in der ganzen Region wurden ihr Kirchen und Kapellen geweiht. Sie wird besonders bei Augenkrankheiten und von Blinden und Sehbehinderten um Hilfe angerufen.

Nacherzählt und kommentiert von Thomas Andreetti

Ottilienkirche, Ottilienglöcklein, Ottilienstatue

Über die alte Pfarrkirche von Arlesheim, im Volk Ottilienkirche (oder Odilienkirche) genannt, sind wenig urkundliche Nachrichten erhalten. Die erste Kirche soll unter den Stäpfelireben gestanden haben, sei jedoch schon früh abgebrochen und ins Areal des heutigen „Alten Friedhofs” (zwischen Andlauerweg und Hotel Ochsen) verlegt worden.

Im ersten Drittel des 17. Jahrhunderts musste diese einem grösseren Neubau weichen. In der Kirche standen drei Altäre, ein Haupt- und zwei Seitenaltäre, die der heiligen Odilia und wahrscheinlich der Muttergottes und dem heiligen Sebastian geweiht waren. In der alten Pfarrkirche fanden verschiedene hohe Persönlichkeiten ihre letzte Ruhe, so der letzte Obervogt auf Schloss Birseck, Franz Karl von Andlau, Gemahl der Balbina von Andlau. Durch den Bau der Domkirche wurde die alte Pfarrkirche überflüssig. Sie wurde am 30. Oktober 1814 auf den Abbruch versteigert. Ratsherr Niklaus Singeisen aus Binningen erwarb sie für 800 Franken und soll daraus den Weiher- und Magdalenenhof in Oberwil gebaut haben. Bevor sie abgebrochen wurde, hatte sie noch einen traurigen Dienst zu leisten. Beim Einsturz der Dornacherbrücke am 13. Juli 1813 fanden 37 Menschen im Hochwasser der Birs ihr trauriges Ende. Die aufgefundenen Toten wurden nach Arlesheim gebracht und in der Gottesacker-Kirche aufgebahrt.

Das Odilienglöcklein aus dem 15. Jahrhundert wurde in die Domkirche versetzt. Es hängt heute noch zuoberst im Nordturm, diente lange Zeit als Taufglöcklein, ist aber dem heutigen Läutwerk nicht mehr angeschlossen.

Die Statue, die dank den Bemühungen von Pfr. Erwin Ludwig aus dem Historischen Museum Basel zurückgeholt werden konnte, ist 118 cm hoch, aus hinterhöhltem Lindenholz und dürfte um 1450 geschaffen worden sein. Die bekrönte, gedrungene Gestalt trägt die Tracht der Äbtissin. In der linken Hand hält sie über einem mit Schliessen verschlossenen Buch eine Schale mit zwei Augen, die sie als Patronin der Blinden mit der Rechten segnet. Um die wertvolle Statue vor dem Zerfall zu retten, muss sie in einem aufwändigen Verfahren bald einmal restauriert werden.

Marcel Huber, Präsident des Vereins der Freunde des Domes zu Arlesheim

Odilia – Patronin der Blinden und Sehbehinderten

Wenn wir hören, dass Odilia als neugeborenes, blindes Mädchen von ihrem Vater verstossen wird, reagieren wir spontan mit einem Gefühl des Mitleids. Beschäftigen wir uns hingegen näher mit dem Leben der Heiligen Odilia, erkennen wir darin eine weise, göttliche Fügung. Der Legende nach wird Odilia ins Kloster Balma (keltisch: Höhle) gebracht, in welchem irische Klosterfrauen wirken, die ein vertieftes, innerliches Christentum pflegen. Durch diese Lebensweise in der Kindheit – verbunden mit dem Blindsein – ist es Odilia möglich, reiche Seelenkräfte zu entwickeln. So erkennen wir, dass die vermeintlich tragischen Ereignisse von Blindheit und Trennung Odilia dazu verhelfen, die Reinheit ihrer Seele zu bewahren und zu stärken.

Sie ruft uns auf, unser inneres Licht zu suchen und ihm zu folgen, dass wir sehend werden für die Wahrheit und Weisheit des Lebens. So oft sind wir, obwohl mit den Augen sehend, mit dem Herzen blind.

Edith Fischer

Eine alte Litanei zu Ehren der Heiligen Odilia

Herr, erbarme dich

Christus, erbarme dich

Herr, erbarme dich

Christus, höre uns; Christus, erhöre uns

Gott Vater vom Himmel, erbarme dich unser

Gott Sohn, Erlöser der Welt, erbarme dich unser

Gott Heiliger Geist, erbarme dich unser

Heilige Dreifaltigkeit, ein einiger Gott, erbarme dich unser

Heilige Maria, du Königin des Himmels, bitte für uns

Heilige Odilia, du Patronin unserer Pfarrei, bitte für uns

Du Blindgeborene, bitte für uns

Du in der heiligen Taufe Erleuchtete, bitte für uns

Du Kind des wahren Lichtes, bitte für uns

Du Stifterin von Klöstern und Kirchen, bitte für uns

Du Richtschnur aller Geistlichen, bitte für uns

Du Lebensregel und Spiegel der Tugend, bitte für uns

Du lebendige Quelle des Trostes, bitte für uns

Du heilsamer Brunnen der Wunderwerke Gottes, bitte für uns

Du Leuchte der Klarheit, bitte für uns

Du hell brennende Lampe in der Kirche, bitte für uns

Du mitleidige Mutter der Armen, bitte für uns

Du Erleuchterin der blinden Augen, bitte für uns

Du kräftiger Trost der Betrübten, bitte für uns

Heilige Odilia, du Hilfe der Kranken, bitte für uns

Du mächtige Fürsprecherin im Himmel, bitte für uns

Du starke Zuversicht aller, die dich ehren, bitte für uns

Herr, Jesus Christus, durch die tiefe Demut der Heiligen Odilia, erbarme dich unser

Durch ihre grosse Geduld, erbarme dich unser

Durch ihre Bussfertigkeit, erbarme dich unser

Durch ihr strenges Fasten, Beten und Wachen, erbarme dich unser

Durch ihre Tränen in der Not, erbarme dich unser

Durch ihr Mitleid mit den Kranken, erbarme dich unser

Durch ihre Grossherzigkeit, erbarme dich unser

Durch ihre Liebe zu den Armen, erbarme dich unser

Durch die Liebe, mit welcher du sie im Felsen bewahrt hast, erbarme dich unser

Durch die Wunderzeichen in ihrem Leben und an ihrem Grab, erbarme dich unser

Durch die Liebe, womit sie dich geliebt hat, erbarme dich unser

Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist – wie im Anfang so auch jetzt und allezeit und in Ewigkeit.

Bitte für uns, heilige Odilia, damit wir würdig werden der Verheissungen Christi. Amen.

Gekürzt und bearbeitet von Thomas Andreetti

Besuch auf dem Odilienberg

Der Odilienberg liegt zirka 30 km südwestlich von Strassburg. Der «heilige Berg des Elsass» ist ein gesondertes Bergmassiv am Vogesenrand; zur Ebene fällt es steil ab. Auf der Nordspitze erhebt sich die Klosteranlage der Schutzpatronin des Landes. Eine grosse Statue der Heiligen, von weitem aus der Ebene sichtbar, kennzeichnet diesen Berg. Der bewaldete Bergrücken ist von der so genannten Heidenmauer umgeben, dem wichtigsten keltischen Baudenkmal des Landes.

Die Nonnenabtei erlebte im 12. Jahrhundert ihre Blütezeit und wurde in der Folge mehrmals zerstört und wieder aufgebaut. Der bedeutenste Überrest des romanischen Klosters ist die Kapelle im Ostflügel des Odilienhofes. Das Kreuzgratgewölbe des fast quadratischen Raumes ruht auf einer gedrungenen Mittelsäule, deren Kapitell mit Ranken und Eckmasken verziert ist. Links führt eine niedrige Tür zur Odilienkapelle. Im Steinsarkophag hinter der vergitterten Öffnung ruhen die sterblichen Überreste der Heiligen.

An der steilen Strasse nach St. Nabor befindet sich eine Quelle, der man eine wundertätige Wirkung zuschreibt. Die Heilige soll hier einem alten Mann zu trinken gegeben haben, der um die Heilung seines blinden Kindes bat.

  1. In Frankreich, Süddeutschland, Österreich und auch in der Schweiz gibt es noch eine ganze Anzahl Kirchen, die der Heiligen Odilia geweiht sind (www.google.ch Suchwort: «Ottilienkirche»)

Erich Schäfer