Ohne Karfreitag kein Ostern

Die Karwoche – für mich die dichteste und stärkste Woche im Kirchenjahr – geheimnisvoll und reich an starken Gefühlen. Da ist gerade noch der Jubel, als Jesus in Jerusalem einzieht. Doch kurz darauf hören wir bereits die Leidensgeschichte. Schon als Kind faszinierte und erschreckte mich der Karfreitag. Ein Freitag, an dem alles anders ist. Keine Arbeit, keine offenen Geschäfte, es ist stiller als sonst, ein Fastentag. Und auch in der Kirche: der Blumenschmuck ist weg, der Tabernakel leer, das Weihwasserbecken trocken, die Glocken verstummt. Zur Todesstunde beginnt die Karfreitagsliturgie – die Ministranten und Liturgen ziehen in Stille ein und legen sich auf den Boden vor das Kreuz. Und bald darauf hören wir die Leidensgeschichte. Das Leid, der Aufschrei und der Tod berühren mich jedes Mal. „Es ist vollbracht! Und er neigte das Haupt und gab seinen Geist auf.“ Es wird still und wir knien uns einen Moment hin.

Karfreitag ist ein mutiger Tag, denn es wird nicht weggeschaut und nichts mit Jubel und Freude übertüncht. Das Leid, der Schmerz, der Tod werden gesehen, gehört und mitgelitten. Den Karfreitag aushalten heisst, das Leid der Welt zu sehen und zu beklagen. Gott zu vermissen und doch nicht aufhören zu ihm zu rufen. Wegschauen würden wir vielleicht gerne. Gerne wäre der Blick schon auf Ostern gerichtet, der Stein vor dem leeren Grab weggewälzt. Doch es ist gut, den Karfreitag nicht mit den hellen Farben und beruhigenden Klänge zu überspielen.

Auch in unserem eigenen Leben, gibt es Momente, in denen wir Gott vermissen. Doch gerade dann dürfen wir nicht aufhören, nach ihm zu rufen. Dabei kann uns die Sprache der Klage, die auch Jesus kannte, eine Hilfe sein. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen.“

Matthias Walther

 

Veröffentlicht am 10. April 2017 | Kategorie(n): Impressionen